Regional Foodhunter (I): Weinberg-Kräuter in der Bodensee-Region

Vor der „Haustür“ Zutaten mit exotischer Anmut entdecken!

Als Foodhunter werden professionelle Foodies bezeichnet, die weltweit oft in entlegensten exotischen Regionen  (vermeintlich) neue Zutaten oder auch Zubereitungsmethoden (wieder)entdecken. Diese kulinarischen Abenteurer zeichnen sich dadurch aus, dass sie uns eine faszinierende Geschmackswelt offen legen, die in der „Welt“ unseres westlichen Kulturkreises bisher keiner kennt, ja sogar auch in der nationalen Foodie-Szene nur teilweise bekannt ist. Unverhoffte Geschmackserlebnisse, importiert aus fernen Ländern. Und ich meine hiermit nicht den Asia Foodshop, sondern die Avantgarde Culinaire! Keine Frage, es ist für open minded Genussmenschen eine facettenreiche Bereicherung neue Rezepte mit unkonventionellen Zutaten wie Goji-Früchte, Chia-Samen, und anderen „SchnickSchnack“ auszuprobieren, … denn viele dieser Exoten sind inzwischen Member im Club of Mainstream, „avantgardistische“ Zutaten von einst finden sich früher oder später in fast jedem Supermarkt um die Ecke, – meistens!

Dem Regional Foodhunter bleibt die stressige Fernflugreise erspart!

Zutaten mit exotischer Anmut lassen sich auch vor der eigenen Haustür finden, … wenn man seinen kulinarischen Autopiloten einschaltet. Oder gar einfach nur angestuppst wird, so wie es mir vor kurzem mal wieder passiert ist. Diesmal gab mir meine Tante Julia, die weitgereiste Meisterköchin den Impuls quasi vor meiner Haustüre in Übersee mal zu schnuppern und zu schmecken. (Anm: Für die Konstanzer Bevölkerung wird die andere Seite des Bodensees als „Übersee“ wahrgenommen)

Weingut Aufricht Meersburg (C) Iris Kubik

Weingut Aufricht im Meersburger Weinberg gelegen (C) Winfried Heinze

Kräuterwanderung im Weinberg Meersburg-Stetten

In Kooperation mit Hildegard Aufricht vom Weingut Aufricht hat die Kräuterpädagogin Elke Hermannsdorfer vom Restaurant „Hermannsdorfers im Schützenhaus“ anschaulich aufgezeigt, welche essbaren Wildkräuter aus diesem Weinberg (ökologischer Weinbau) den Weg in ihre Küche gefunden haben. Hier einige Wildkräuter aus dem Weinberg, die auch zum Teil als Anwendung in der Küche verkostet wurden, natürlich in „aufrichtiger“ Weinbegleitung.

  • Fingerkraut  fand sich zur Begrüßung in einem fruchtigen Smoothie aus Honigmelone, Gurke, Ananas, Apfelsaft und Minze. Sehr ausgewogenes Aromaprofil ohne die Dominanz einer der genannten Zutaten. Fingerkraut gilt als blutreinigende und fiebersenkende Heilpflanze und sollte wegen seines adstringierenden Geschmacks nur dezent dosiert werden, sonst schmeckt´s zu krautig.
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Fingerkraut (C) Gisela Haase

  • Knoblauchsrauke wurde im Mittelalter wegen ihres pfeffrig-knoblauchartigen Geschmacks vor allem von der ärmeren Bevölkerung im Garten angebaut. Es sind die Senfglycoside die hier den Geschmack  charakterisieren, deutlich milder als der des Bärlauchs. Einem Kartoffelgratin oder auch Dressing verleiht dieses „wilde Senfgewächs“ ein einzigartig fein würziges Aroma. Von April bis Juni gesammelt, werden sie auch heute gerne in England noch häufig für Sandwichfüllungen verwendet. Als Volksmedizin wirkt Knoblauchrauke antiseptisch, leicht harntreibend und schleimlösend. Man sagt ihr darüber hinaus auch anti-asthmatische Eigenschaften nach.  Aus den Blättern wurden früher Breiumschläge zur Behandlung von Insektenstichen und Wurmerkrankungen hergestellt.
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Knoblauchsrauke (c) Gisela Haase

  • Löwenzahn, wenn auch prominent unter den Wildkräutern,  wird trotzdem oft als lästiges Unkraut betrachtet. Heute wissen wir Dank der Kräuterpädagogik, was Löwenzahn tatsächlich ist: Eine Heilpflanze (neudeutsch: Superfood), die als regelmäßig verzehrtes Lebensmittel unserer Gesundheit förderlich ist, vorausgesetzt sie wächst nicht zu nah am Wegesrand wo Pfiffi oder sogar Bello sich erleichtern. Ja, … apropos Verdauung, laut Volksmedizin regelt Löwenzahn diese für uns Menschen. Pflegt nebenher noch Leber und Galle, hilft sogar bei Rheuma-Beschwerden, „zertrümmert“ schmerzhafte Nierensteine, sorgt für einen gesunden Teint,  tschüss  Pickel und gar chronische Hautleiden. Zudem hilft Löwnzahn als Allround-Stärkungsmittel durch den Alltag, Pusher-Pillen und Apotheke ist spätestens damit obsolet. Gelbes Gewächs nicht nur im Weinberg, auch in der Küche! Die  Blüten eignen sich zur Herstellung eines wohlschmeckenden, honigähnlichen Sirups oder Gelees als Brotaufstrich. Die jungen, nur leicht bitter schmeckenden Blätter werden gerne auch als Zutat für einen Salat verwendet, z.B. in Österreich im sogenannten  „Röhrlsalat“. Kombiniert mit einer Speck-Rahmsauce gilt Löwenzahnsalat als Delikatesse. Aus der getrockneten Pflanzenwurzel wurde in den notleidenden Nachkriegsjahren Ersatzkaffee gekocht, … hoffen wir mal dass Kaffee-Liebhaber sich nicht wieder damit konfrontiert sehen müssen. Empfehlenswert ist hingegen ein Pesto der wilden Art wie ich in Mission als regionaler Foodhunter schmecken durfte: Zubereitet mit den zarten wenig bitteren Löwenzahnblättern und fein abgeschmeckt mit etwas Zitronensaft. Um den Bittergeschmack der großen Blätter zu reduzieren, werden diese auch zuvor in warmen Wasser eingelegt, so die Kräuterpädagogin Elke Hermannsdorfer. Wildkräuter Kurse bzw -wanderungen bietet sie zusammen mit Ihrer Kollegin Gisela Haase an. Sehr empfehlenswert für alle naturverbundenen Kulinariker, zu buchen  bei  wildkraeuter-erlebnisse.de
Gundermann (c) Gisela Haase

Gundermann (c) Gisela Haase

Weitere schmackhaft würzige Heilkräuter

Diese Kräuter eignen sich für Salate und Suppen aus jenem essbaren Weinberg der Winzerfamilie Aufricht bei Meersburg:

  • Echte Brunnenkresse, der würzige Star im Salat
  • Gundermann mit lila blauen essbaren Blüten, entzündungshemmend
  • Vogelmiere, Aroma wie Erbsen oder Mais, vorbeugend gegen Erkältung, entzündungshemmend
  • Gelbe Taubnessel, Blüte schmeckt leicht süsslich  nach Goldmais, verbessert die Wundheilung

 

Goldnessel (c) Gisela Haase

Goldnessel (c) Gisela Haase

 

Soviel zu den wunderbaren Wildkräutern, … kostenlos, aber nicht umsonst, weil gesund und sehr deliziös dazu.

Fortsetzung folgt

In den nächsten beiden Artikeln (Teil II und III) werde ich davon berichten, welche weiteren unkonventionellen Zutaten im Meersburger Weingut Aufricht neben dem Wein-Sortiment mir ins kulinarische Bewusstsein gesprungen sind, natürlich mit freihändig gekochten Rezepten dazu.  Welche Geschmackserlebnisse ich Ende Mai bis Anfang Juni in der Bodensee-Region bei diversen Events präsentiere, erfahrt Ihr dann in Teil IV und V dieser Serie „Regional Foodhunter“

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2 Kommentare
  • FEL!X
    Veröffentlicht um 12:50h, 12 Mai Antworten

    Superfood?! Da lacht mein Apothekerherz!
    Klar, dass «Heilpflanze» oder gar «Arzneidroge» (so die Bezeichnungen in der Offizin=Apotheke) völlig obsolet klingen, zumal es hier ja auch um Frischpflanzen geht.
    Wildkräuter: OK. Neu: keineswegs (wie du ja richtig erwähnst). Interessant: alleweil!
    Bin auf deine Fortsetzungen gespannt!
    FEL!X

  • tom
    Veröffentlicht um 10:19h, 16 Mai Antworten

    ….dann mal auf in den „Valle Paradiso“ Weinberg ++++

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