Insekten & Co (I): Bizarre Rezepte jenseits unseres Tellerrands

Hier geht´s um Grashoppers & Co., soziokulturelle Hemmungen und mein erstes Mahl.  Nämlich Insekten Rezepte zubereiten und die dann sogar selber essen. Den Skeptikern, die noch nicht wissen wie sie ihren kulinarischen Horizont neugierig und tapfer überschreiten können, helfe ich auf den Topf. Tipps, wie der Einstieg zu Rezepten mit Insekten schmackhaft und unverkrampft gelingen kann …

Überzeugte Veganer brauchen hier nicht weiterlesen. Allen anderen schadet es nicht, sich von kulturell geprägten Ernährungsmustern für den Moment des Lesens dieser Zeilen  zu befreien. Schließlich geht es auch um ökologische Lösungsansätze zukünftiger Gewinnung von tierischen Proteinen.  Eine bisher ungelöste Ernährungsfrage unseres Planeten. Bin da ganz pragmatisch, garantiert frei von Dogmen und Weltverbesserungsromantik.

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Einsteiger Set von Snack-Insects in vornehmer Verpackung

Was bisher geschah

In  Asien, Afrika und Lateinamerika werden die proteinreichen Insekten seit jeher von ca. 2 Mrd. Menschen nicht nur als Nahrungsgrundlage sondern je nach Getier auch als Delikatesse geschätzt. In unserem Kulturkreis ist eher das voll krasse Gegenteil der Fall. Die Gelegenheit meine kulinarische Umlaufbahn zusammen mit Grashopper & Co. spontan zu verlassen bot sich mir in den letzten 10 Jahren nicht. Jedenfalls nicht offensichtlich mal eben so im Vorbeilaufen auf dem Wochenmarkt oder so. Die Zeit davor hätte ich mehrmals die Gelegenheit gehabt, doch war ich ignorant. Diese landläufig vielbeinigen Tiere sind bei uns eben in zubereiteter Form nicht so leicht zu finden wie ein Garnelen-Spieß,  allenfalls in sehr wenigen Restaurants einiger Großstädte. Deshalb habe ich bei SnackInsects.com  nach einem kostenlosen Insekten Einsteigerset angefragt, um sie einmal selber zuzubereiten. Natürlich mit meinem Versprechen, meine Gedanken und Erfahrungen hier zu dokumentieren. Danke an dieser Stelle an den Inhaber Folke Dammann für die  Lieferung.

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Insekten mit vornehm französischen Namen: Meunière, Buffalo, Grillon, Sauterelle (v.l.n.r.)

Ein schwieriges Thema in Europa

Aufgrund der soziokulturell bedingten Hemmschwelle ist Insektenverzehr für die meisten Europäer so etwas wie Bungee Jumping im kulinarischen Sinne. Belohnt mit einem selten hohen Adrenalinausstoß, wenn die Hemmungen davor endgültig gefallen sind. Aber woher kommt eigentlich diese Abneigung vor dem was da rumkrabbelt? Während in Europa maritime Gliederfüßer wie  Hummer, Garnelen oder Krebse als teure Delikatessen genossen werden oder zermahlene Cochenille-Läuse  die Lippen rot färben, ist bereits der Gedanke an das Verspeisen von ihren Festland-Artgenossen („Wüstengarnelen“) meist „ekelig“. Nun ja, Küchenschaben stinken wenn man drauf haut und sind ein Indikator für mangelnde Küchenhygiene, … wenn auch in vielen (tropischen) Regionen unvermeidbar. Und wer kürzlich erst den Kammerjäger oder Ameisen unfreiwillig daheim hatte, ist auch nicht zugänglich für dieses kribbelige Thema. Zudem die biblischen Heuschrecken-Populationen nie als proteinreiches Geschenk Gottes angesehen wurden und daher vermutlich heute im RTL Dschungelcamp der Ekel davor blöderweise zelebriert wird.

Und dann gab es ja noch die hässlichen Heuschrecken Fondmanager, die den Beginn der never ending Story Finanzkrise in 2008 einleuteten. Kurzum, ein schwieriges Thema, in ganz Europa negativ besetzt.

Ein aktuelles Thema in fernen Ländern

Ganz anders hingegen sieht das die „Food and Agriculture Organization of the United Nations“ (FAO):  Zucht und Verzehr von Insekten durch Programme wie „Edible Insects werden als Maßnahmen gegen Mangelernährung in den tropischen und subtropischen Regionen gefördert. Denn im Gegensatz zur Fleischproduktion ist der Wirkungsgrad für die Proteingewinnung enorm hoch und damit deutlich weniger klima- und umweltschädlich. Zumindest solange diese Zuchttierchen nicht in der Gegend wild umherfliegen, -krabbeln und alle nerven.  Die Aufzucht von Speise-Insekten fördert dort wo Viehzucht nur bedingt möglich und sinnvoll ist,  wirtschaftliche Chancen für die Locals. Ohne viel technischen Aufwand  vermehren sich deren Einkommen durch rasche Vermehrung der Insekten.

 

Was irgendwann geschehen wird

Die EU scheint sich ebenfalls (z.B. Lebensmittelforschungsinstitut in Wageningen, NL) mit vergleichsweise kleinem Forschungsbudget zaghaft auf das vorzubereiten was da zwangsläufig auf die 10 Mrd Menschheit im Jahr 2050 auch in Europa zukommt: Der ökölogische „Fleisch-Bankrott“, wenn es so weiterläuft wie bisher. Bei uns ist das massenhafte Züchten von essbaren Insekten noch nicht erlaubt. Man wartet darauf, dass eine EU-weite Regelung gefunden wird, erfahrungsgemäß ein schwieriges Thema. Anm.: Von der Europäischen Kommission wird zudem ein Forschungsprojekt mitfinanziert, um die Möglichkeit der Verwendung von Insektenproteinen als alternatives Futtermittel zu den meist Gen-modifizierten Sojaproteinen zu erforschen.

Entomophagie, ein schreckliches Wort für den Insektenverzehr durch Menschen. In unserem Kulturkreis wahrscheinlich erst salonfähig, wenn unsere Ressourcen zerstörende Massenviehzucht und Fleischproduktion von den Konsumenten ökologisch nicht mehr akzeptiert ist. Entomophagie wird sich wahrscheinlich  zwangsläufig auch in Europa zu einer  Ernährungsform entwickeln. Ob sichtbar dekoriert wie auf meinen Rezeptfotos oder fast unsichtbar untergemischt wie im Snackriegel:  Wenn diese hocheffizienten Proteine einmal im großen Maßstab gezüchtet werden,  sind sie eine kostengünstige Alternative zwecks Diversifizierung der Protein-Nahrungsquellen, so die internationale Forschung.   Sicherlich wird irgendwann auch die Convenience-Food Produktion davon profitieren wie beispielsweise  Burger-Patties  für Burger-Restaurants oder auch gepresste Bug-Nuggets mit Dipp für Discounter, Uni-Mensen und Pflegeheime. Mahlzeit!

Mein allererstes Mahl, … one step beyond my Tellerrand

Neugierig bin ich, was uns in (ferner?) Zukunft zwangsläufig aufgetischt wird. Vielleicht schmecken mir Grillen als Insekten Rezepte würzig zubereitet heute schon so gut wie Milliarden anderen Menschen auch? Hummer galt schließlich früher auch als Ungeziefer des Meeres. Warum meine Neugier bzw. Appetit darauf? Sicherlich nicht vom Dschungelcamp-Schauen. Vielmehr wegen meiner chronischen Probieritis (Berufskrankheit), deren einzigartiges Symptom sich sogar schon in frühesten Kindheitstagen erstmals durch die Verkostung eines Regenwurms offenbarte, so meine Mutter. Trotzdem lag natürlich meine Hürde hoch, es zu tun. Obwohl ich es doch eigentlich auch will.

Wie ihr mit einfachen Insekten Rezepte über euren Tellerrand mit Leichtigkeit wie ein Grashopper springt, hier mein 3 stufiges Hürden-Konzept:

Step 1: Probiert zuerst einen Energie-Riegel mit Buffalowürmern. Das hat etwas Abstraktes, denn die Dinger sind erst bei sehr genauem Hinsehen augenscheinlich. Dieser Pausen-Snack enthält zudem Sesam und Mandeln die wiederum zusammen mit den gerösteten Buffalowürmern irgendwie harmonisch nussig kernig schmecken. Bug Break schmeckt typisch nach ebensolchen Körner-Riegeln mit Karamell-Geschmack, dafür ernährungsphysiologisch vergleichsweise hochwertig aufgrund des hohen Gehalts an Aminosäuren und ungesättigten Fettsäuren. Einfach reinbeissen. Funktioniert, nicht nur als Party-Gag!

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Energie-Riegel mit hochwertigem Protein (Buffalowürmern) und Karamellgeschmack

Step 2: Jeweils einen EL Grillen, Buffalowürmer und Mehlwürmer  grob hacken und zusammen in einer heißen Eisenguß oder Titan-Pfanne anrösten bis sie leicht Farbe nehmen.  Anschließend  in ein kleines Schraubglas füllen. Danach werden grob gehackte Ölsaaten, d.h. 1/2 EL Sonnenblumenkerne, jeweils 1 EL Leinsamen und Sesam sowie 1 EL Buchweizen (Getreide) geröstet. In ein gleich aussehendes zweites Schraubglas umfüllen, neben das erste Schraubglas stellen und staunen wie gering zunächst einmal der optische Unterschied ist. Beides kann nun als Topping für einen leicht bekömmlichen Salat z. B. mit Rucola und geröstetem Sellerie genossen werden. Die Röstaromen der Insekten-Proteine wie auch der gerösteten Ölsaaten harmonieren hervorragend mit dem nussigen Sellerie und würzig scharfen Nussnoten des Rucola. Wenn Ihr die beiden Schraubgläser nicht beschriftet,  „egalisieren“ sich womöglich die gerösteten Zutaten unterschiedlichen Ursprungs. Mahlzeit!

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Ähnlichkeit im Geschmack. Erst bei genauerem Hinschauen erkennt man den Unterschied
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Rucola|gebratene Selleriewürfel|Karotten |Sesamöl Balsamico Dressing                                  Topping: geröstete Meuniere, Grillon, Buffalo

 

 

 

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Rucola|gebratene Selleriewürfel|Karotten |Sesamöl Balsamico Dressing                                      Topping: geröstete Sesam, Sonnenblumenkerne, Leinsamen, Buchweizen

Step 3: Nun geht Ihr von den beiden vorangegangenen abstrahierten Zubereitungsvarianten  hinüber zu augenscheinlicheren Tatsachen! Versüßt Euch den dritten und höchsten Hürdensprung mit einer selbstgemachten fruchtigen Bug-Praline. Taucht einfach den hinteren Teil eines  Grashoppers in flüssige Zartbitterschokolade und platziert ihn dekorativ auf  eine Frucht im Schokomantel, Süßkartoffel- oder Karottenchip dazu und fertig.

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Pralinen Collection, bizarres Spiel der Aromen und Texturen

Anschauen, Mund auf, Reinbeissen und die letzte Mega-Hürde ist auch geschafft.  Welcome to the Bugs-Club!

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Banane im Schokomantel, Sauterelle, Karotten Chip, Rote Pfefferbeeren

Fazit

Es ist reine Kopfsache mit Insekten Rezepte zuzubereiten, I did it! Bei mir hat dieser kontinuierlich konkreter werdende Starter-Prozess in dieser Reihenfolge hemmungsmindernd funktioniert. Keine Frage, für mich war es zunächst trotz meiner chronischen Probieritis auch nicht einfach diesen gewaltigen Hüpfer über meinen Tellerrand hinaus zu machen. Yaeh,  Grillen, I´m lovin´it … Grashoppers & Co. schmecken tatsächlich nussig lecker nach knusprigen Röstaromen wie beispielsweise crisp cross Hähnchenhaut. Wahrscheinlich bleiben sie in Europa jedoch mittelfristig eine weitere Delikatesse einer kleinen Feinschmecker-Avantgarde, auch was deren Preis betrifft. Aufgrund der noch geringen Absatzmengen können die Bugs noch nicht kostengünstig gezüchtet werden.

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Banane im Schokomantel, Grillon, Meuniere, Süßkartoffel Chip, Rote Pfefferbeeren

 

Als frisch gebackener Newbie werde ich im zweiten und letzten Teil zu diesem Thema ausprobieren wie Insekten sich pretty cool im Streetfood Style präsentieren könnten. Ausserdem beantwortet mir der Inhaber von Snack-Insects drei Fragen über Herkunft, Zucht und Vermarktungschancen.

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