Low Budget Superfood: Rezepte mit Erbsen

„Superfoods“ zum Budget-Preis, die schon die Landfrauen nutzten …

Keine Woche, ohne dass irgend ein Lebensmittel plötzlich super gesund ist. Also auch solche, die so banal, regional und zugleich preiswert sind wie z.B.  (Heil)Kräuter,  Hülsenfrüchte ( Rezepte mit Erbsen, Linsen, Bohnen), Leinsamen, Gemüse wie Brokkoli und Früchte wie Äpfel. Alles Super!?  Aber waren Obst, Gemüse & Co. nicht schon immer irgendwie super und gesund? 

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Einfach mal Erbsen …

Ja, eigentlich schon, aber das Wissen Ur-Omas Landfrauen geriet mit dem zunehmend bequemen Verzehr industrialisierter Fertig-Nahrung seit den 70er Jahren unverzüglich in Vergessenheit. Die deutsche Gemüse/Obst Kampagne  „5amTag“ des damaligen Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in den späten 90er Jahren konnte dem nicht entgegen wirken. Offensichtlich zu sehr mit einer typisch deutsch-schulmeisterlichen Aura behaftet, ziemlich uncool. 

Der Glamour der Superlativen

Ernährungswissen Reloaded. Jetzt super glamourös kommuniziert. Pop-Glamour, der den Stars der Superlative naturgemäß innewohnt: Die Wortschöpfung „Superfoods“ wird banalem Gemüse zugeteilt,etwa so wie dem angestaubten Heino damals 2013 in Wacken ein Heavy Metal Anstrich verpasst wurde. Im Jahr 2004 erleuchtete dem kalifornische Arzt Dr. Steven Pratt diese Super-Wortschöpfung,  um sein erstes Buch super verkaufen zu können. In seiner Publikation stellte jener Dr. Pratt über ein Dutzend mit Nährstoffen vollgepackte Lebensmittel super prominent vor, deren regelmäßiger Verzehr Krankheiten vorbeugen und die körperliche Gesundheit super fördern könne. Seitdem haften Händler in den USA das Label denjenigen Lebensmitteln an, in denen eine nennenswert hohe Menge an irgendwelchen wertvollen Inhaltsstoffen analysiert wurde. Alles Super! Nun gut, Ideen muss man haben (und umsetzen), denn Superlativen sind spätestens in diesem Jahrzehnt so angesagt wie die Maßlosigkeit des Gelddruckens der int. Notenbanken, oder der Mega-Sportveranstaltungen.

Toll, die Superflut kommt jetzt an

Dieser Trend (oder vielleicht doch nur ein Mega-Hype?) ist seit ca. 2015 nun auch bei uns im medialen Mainstream angekommen. Ja sogar durch die Hintertür auch in meinen Foodblog gelangt. Warum?  Sobald ich beispielsweise Hülsenfrüchte wie Erbsen in einem Rezept verwende, kann ich mir praktisch die Superfood-Kappe aufsetzen bzw. den Guru mimen. Der Begriff „Superfood“ ist nämlich nicht rechtlich geschützt, vielmehr ist er nach wie vor nur ein pretty smart Marketing Gimmick. Im Mittelalter mit dem Mythos „Jungbrunnen“ vergleichbar. Das heißt: Jeder darf prinzipiell jedes Lebensmittel als Superfood anpreisen, genauso wie ich nach Lust und Laune in „meinem Jungbrunnen“ bzw. Spa-Whirlpool baden gehen kann. Hauptsache die Story dazu ist so schön wie der Whirlpool zwischen den Beinen rumblubbert.

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Auch Super und zugleich traditionelles Food Pairing: Rotkohl|Apfel|Walnuss

Zu alledem machte in den letzten Jahren Raw-Food-Guru David Wolfe die Superfoods einem weltweitem Publikum bekannt, unter anderem mit viralen You Tube Videos. Während in der Superfood-Steinzeit anno 2004 Dr. Pratt lokale und bezahlbare Superfoods empfiehlt, nutzt heute Guru David Wolfe das ausgebuffte Netz moderner Logistik für seine Empfehlungen. Weltweit sucht er daher nach den gesundheitlich höchst wertgeschätzten Lebensmitteln verschiedener Kulturkreise: „CO2 foodprint mir egal, Chia-Samen rin in die Tüte!“ Zu seinen entsprechend kostenintensiven Favoriten gehören u. a. Macawurzeln, Algen, Aloe Vera, Hanfsamen und Kokosnüsse. So kam der Stein ins Rollen, quasi The Rolling Stones of Food, Live on World-Tour. Inzwischen fanden nämlich viele weitere Lebensmittel bzw. „Superfoods“ ihren Weg aus den teils entlegensten Provinzen der Erde in die Auslagen der (Bio)-Supermärkte der bundesdeutschen Provinz: Quinoa, rohe Kakaobohnen, Kokusnusswasser, Gojibeeren, Cranberries, Granatapfel, Acai-Beeren, Chia-Samen, Licht-Yamswurzeln, Kennstenochnich oder Brauchstenich.

Low Budget Alternativen

Keine Frage: Superfoods sind in der richtigen Verzehrsmenge bzw. Dosierung gesund solange sie für den Körper verträglich sind bzw. keine allergischen Reaktionen die Stimmung vermiest bis gar der Arzt kommt. Aber müssen Chia-Samen, Kokoswasser & Co. tatsächlich von weit her importiert werden, wenn auch heimische „Superfoods“ oder preiswerte „Normalo-Alternativen“ (zumindest in Bio-Qualität) Ihren profanen Zweck der gesunden Ernährung erfüllen? Ja, durchaus. Ich gönne mir diese Exoten eher als gelegentliche Delikatesse. Und zum regelmäßigen Verzehr eher die preiswerten Alternativen wie:

  • Ölsaaten & Nüsse (Leinsamen, Kürbiskerne, Sesam, Haselnüsse, Erdnüsse, Mandeln etc.)
  • Kräuter wie Minze, Zitronenverbene, Basilikum, Löwenzahn, Giersch
  • Kurkuma
  • Ingwer
  • Kresse & Sprossenkeimlinge (Rettichsprossen, Rote Bete Sprossen, Kapuzinerkresse, etc)
  • Kohlgemüse (Brokkoli, Grünkohl, Weißkohl, Rotkohl, Rosenkohl, Blumenkohl, etc.)
  • Meerrettich
  • Rote Beete
  • Fenchel
  • Apfel, „an apple a day, keeps the doctor away“
  • Blaubeeren, Low Budget nur wenn selbst gepflückt
  • Tomatenvielfalt, grüne, gelbe, orangen, schwarze, rote Sorten
  • Spinat
  • Hüsenfrüchte (Erbsen, Bohnen, Linsen, vor allem Alblinsen, Puy-Linsen)
  • Kennichnochnich, wird noch entdeckt
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Superfood a la Glacier: Rettich auf Meerrettichcreme

The Power of Erbsen

Tatsächlich gibt uns das lokale Superfood die nötige Power, die die Landfrauen früher auf dem Acker brauchten. Es geht nämlich auch preiswerter, … beispielsweise mit Erbsen Rezepte. Und jetzt ganz amtlich: Die Vereinten Nationen haben 2016 zum „Internationalen Jahr der Hülsenfrüchte“ erklärt. Zu Recht, meinen Ernährungsmediziner. Ihnen kommt ein gewichtiger Teil einer auf Ernährungssicherheit und gute Ernährung gerichtete nachhaltige Nahrungsmittelproduktion zu. Die enorme Vielfalt der Hülsenfrüchte wie Linsen, Erbsen und Bohnen galt früher als Arme-Leute-Essen. Dabei sind sie kleine Proteinwunder und somit ideal als Fleischersatz. Erbswurst ist – historisch gesehen – einer der kulinarischen Tiefpunkte, gab aber an der Kriegsfront wenn auch nicht allen Beteiligten die Kraft zum Durchbeissen und Hoffen auf bessere Zeiten.The Power of  Erbsen wirkt präventiv gegen Bluthochdruck, loben die Kardiologen. Erbsen sind reich an dem pflanzlichen Protein, den Vitaminen sowie der Herz-Kreislauf unterstützenden Folsäure.

Bei Menschen mit Diabetes hat sich gezeigt, dass Hülsenfrüchte sich günstig auf Blutzuckerverläufe auswirken.“

Prof. Dr. med. Hans Hauner, Technische Universität München

Während Hülsenfrüchte bei uns noch vor gar nicht langer Zeit als Old School belächelt wurden, sind sie in der internationalen Küche seit jeher allgegenwärtig. Beispielsweise Falafel und Hummus aus Kichererbsen oder das nepalesische Nationalgericht Dal Bhat mit Linsen. In Kulturkreisen, in denen traditionell wenig Fleisch verzehrt wird, wie in Indien, Afrika, Fernost und Lateinamerika, sind Leguminosen die wesentliche Ernährungsgrundlage. In der konzeptionell ausgerichteten Gastronomie und Produktentwicklung werden Hülsenfrüchte wie z.B.  Kichererbsen nicht erst seit Superfood intelligent integriert. So findet man z.B. Hummus inzwischen in jedem Discounter. Und Erbsen-Hummus Rezepte findet man im Internet.

Tolle Erbsen, rin in den Topf!

Cookinator

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Superfood-Soup mit süßlichen Noten: Erbsen auf Rote Beete

Erbsen-Ayran on the MintRocks

Und weil die unscheinbare Erbse schon immer cool war, widme ich dieser winzigen essbaren Kugel hiermit zwei Erbsen Rezepte, die großartig schmecken. Erbsen in Kombination mit Rote Beete hatte ich kreiert als ich noch nicht wusste, dass sie zu den Superfoods zählen sollen, Rezept hier. Im aktuellen Erbsen-Rezept werden sie mit Minze und Ayran kombiniert, … ein Schelm wer da nicht an grüne Smoothies denkt.

Zutaten Erbsen Minze Smoothie2_DxO

„Smoothie Cocktail“ für 4 Personen

  • 200 ml  Minzetee in Eiswürfeln
  • 3 Zweige Minze für Tee
  • 500 g TK Erbsen
  • 150 g Lauchzwiebeln
  • 150 g Lauch
  • 300 ml Ayran (türk. National-Joghurtdrink)
  • 6 Zweige Minze
  • 4 EL Zitronensaft oder Limettensaft
  • Salz, schw. Pfeffer aus der Mühle
  • 1 TL frischer Kurkuma, gerieben (optional)
  • 4 EL Brokkoli-Sprossen

 

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Zubereitung

  • Minzezweige in heißem Wasser 10 Minuten ziehen lassen und in Eiswürfelbehältnis einfüllen. Anschließend über Nacht in den Froster stellen.
  • Am nächsten Tag TK Erbsen 3 Minuten blanchieren. Lauch und Lauchzwiebeln in kleine Stücke schneiden und 3 Minuten blanchieren. Beide Gemüse in eiskaltem Wasser abschrecken. Zwei EL Erbsen bei Seite stellen. 6 Minzezweige grob zerkleinern.
  • vorbereitetes Gemüse mit dem Ayran, Limettensaft und vorzerkleinerte Minzezweige in einem Mixer sehr fein pürieren, das dauert ca. 1 Minute auf höchster Stufe. Anschließend durch ein feines Sieb passieren. Mit Salz, Pfeffer würzig abschmecken. Gegebenenfalls mit etwas frisch geriebenem Kurkuma aufpimpen.
  • Den Erbsen-Ayran-Smoothie ca. 1 Stunde in den Froster oder 3 Stunden in den Kühlschrank stellen, da er eisgekühlt ein Superlativ ist 😉
  • Jeweils 2 Minze Eiswürfel pro Glas einfüllen und mit 200 ml Erbsen-Ayran-Smoothie auffüllen. Etwas Topping obendrauf geben: Erbsen und Brokkolisprossen.

 

Geschmacksprofil

Erbsen sind nicht nur vielfältig in der Auswahl der Nährstoffe, sie haben außerdem einen wundervollen und einzigartigen Geschmack, der sich aufgrund seiner dezenten Süße mit vielen anderen Zutaten zu einem Geschmackserlebnis kombinieren lässt. Mit Minze und Joghurt kommen sie jugendlich frisch daher wie eine Beauty-Prinzessin. Mit Rote Beete kombiniert zeigen sie, dass komplementäre Farben auch am Gaumen harmonisch wirken.

Die Erbswurst aus der Vorkriegszeit schmeckt im Dschungel-Survival-Camp aber wahrscheinlich ebenso genial, aber nur dort oder so. Und Erbsen mit Möhrchen, der Klassiker der Erbsen Rezepte, weckt süße Erinnerungen an Kindertage. Aufgepimpt mit etwas Superfood Ingwer und Kokosraspel bringen sie dann vielleicht die Erinnerung an den letzten Asien-Urlaub.

Hummus auf Baguette

SuperFingerfood: Hummus |Baguette |Rucola |Karotte |Sesam |Arganöl

 

Japanische Erbsen-Wasabi-Suppe

Erbsen Wasabi Suppe mit Karotten-Espuma Thunfischspieß

 

Fazit

Ausser dem Menschen braucht kein anderes Lebewesen einen Ernährungsberater, ein Foodblog oder einen Superfood-Pusher, Autos allerdings auch nicht. Daher wird der Hype um profane aber gesunde Gemüsesorten voraussichtlich kein Ende nehmen.

Das Pendant zu jener klassischen Erbswurst  wird irgendwann im veganen Zeitalter vielleicht die Erbsenmilch. Ripple Foods, ein Start-Up mit Sitz in Silicon Valley hat tatsächlich einen veganen Milchersatz aus gelben Erbsen Anfang Mai 2016 auf den US-Markt gebracht. Das „Milch“-Getränk aus Erbsen ist vorerst nur in ausgesuchten Whole Foods- und Target-Filialen verfügbar. Ripple präsentiert  Erbsenmilch als die Bessere unter den pflanzlichen Milch-Alternativen. Nun denn,  Ur-Oma hätte sowas wahrscheinlich nicht gekümmert. Eine nahrhafte Erbsensuppe hat ihr in jener  Zeit, als es maximal gelegentlich den klassischen Sonntagsbraten gab, sicherlich die nötige Power für den Tag gegeben. Mahlzeit!

Muffins Blaubeere Weisse Schokolade Lavendel 2

Alles Super: SuperMuffin mit Blaubeeren und Lavendelbüten

9 Kommentare
  • Maike Tietjen
    Veröffentlicht um 14:46h, 16 August Antworten

    Wie schön, dass jemand die Liebe zu Gemüse mit mir teilt. Erbsen mochte ich schon als Kind, was durch die Süße in der Hülsenfrucht ein Leichtes war. Den Gefallen an Lauch und Rote Beete musste ich mir selbst erkochen; ganz zu schweigen von Fenchel. Der erfahrene Gaumen weiß all Superfoods aus dem Garten heute erst zu schätzen.

    • Cookinator
      Veröffentlicht um 18:29h, 17 August Antworten

      Ja, es war nicht einfach die teils schrecklichen Erinnerungen aus Kindheitstagen an so manches Gemüse mit Kreativität und Motivation „wegzukochen“ 😉

  • marco
    Veröffentlicht um 10:02h, 17 August Antworten

    Wie immer grandios geschrieben und äusserst informativ und fundiert. Danke, Stephan! Ich bin kein Freund von „Superfood“, respektive dieses Begriffs – insbesondere, wenn man weiss, dass Klassiker wie Sauerkraut oder Kürbiskerne seit jeher in diese Sparte gehören. Da erscheint es mir schleierhaft, weshalb ich hippe Chia-Samen aus weiter Ferne kaufen sollte…

    Viele Leute wissen tatsächlich nicht, welche Zutaten aufgrund ihrer Inhaltsstoffe tatsächlich super sind. Bei Erbsen war mir das so auch nicht bewusst… Letztes Jahr hatte ich selber welche im Garten gezogen. Nichts schöneres, als wenn man frisch aus der Schote gepulte Erbsli direkt noch im Garten in den Mund stecken kann 🙂 Den Cocktail aber, der reizt mich besonders. Finde ich extrem kreativ. Das werde ich bei Gelegenheit mal ausprobieren!

    • Cookinator
      Veröffentlicht um 18:41h, 17 August Antworten

      Ja Marco, du sagst es. Manchmal muss man einfach mal die Dinge im Labyrinth der Ernährungsfragen etwas zurechtrücken, …so wird vielleicht der Weg zur einfach ausgewogenen Ernährung etwas weniger verworren und vor allem erschwinglich für Jedermann/frau.

  • kochen-und-backen-im-wohnmobil.de
    Veröffentlicht um 23:41h, 18 August Antworten

    Hach, herrlich! The Power of Erbsen! Sind ja eh auf einer Wellenlänge 😉 . Danke für diesen Beitrag! Doreen

    • Cookinator
      Veröffentlicht um 23:56h, 19 August Antworten

      In Marokko ist es wohl eher Power of Kichererbsen …;-)

  • Roland
    Veröffentlicht um 18:39h, 19 August Antworten

    Sehr ansprechender Artikel und hübsch dekoriert. Kein anderes Lebewesen ausser dem Menschen betreibt einen solchen Kult um die Nahrungsaufnahme. Und in einer Zeit, wo die Lebensmittel-Industrie uns die Sicht auf gesunde Lebensmittel wiedergegeben hat, treibt die Kultivierung manch seltsame Blüten. Doch war das nicht schon immer so?

    Wenn man an die Heerscharen von kompetenten Gaumen denkt, die sich der Lobhudelei von vergorenem Traubensaft widmen, welcher bei Kindern Ekelbezeugungen hervorruft, so kann ich doch auch etwas positives abgewinnen, wenn profane Lebensmittel plötzlich wieder so geschätzt werden, dass man sie mit Titeln garniert. Der Erbse ist das egal.

    • Cookinator
      Veröffentlicht um 23:55h, 19 August Antworten

      Ja, mittlerweile treibt es überall seltsame Blüten in jeder Hinsicht. Und tatsächlich war es im Mittelalter auch schon so …
      woanders sind Haifischflossen Superfood, na dann lieber Erbswurst 😉

  • Katja
    Veröffentlicht um 11:47h, 02 September Antworten

    Tolle Rezepte und das für relativ wenig Geld. Einfach klasse.

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