Seltsam Delikat, Essen?!

Irgendwo in der thailändischen Provinz machte mich einmal ein UFO, d.h. ein unbekanntes Fleischobjekt neugierig. Jenes UFO-Gericht sah und erschnupperte ich zufällig in einer der vielen Straßen-Garküchen. Die Einheimischen genossen es sichtlich. „The same for me, please!“ Mir lief schon beim Anblick das Wasser im Mund zusammen, während die Thais schmatzend sich die Finger leckten. Der Geschmack dann für mich unbeschreiblich lecker und würzig, trotzdem sagte mir mein Kulinarisches Ich: „Du willst besser nicht wissen was Du gerade isst!“ „Okay, einverstanden“, grinste meine kulinarische Seele frech in mich hinein, denn ich wollte meinem europäischen Verständnis „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ ein Schnippchen schlagen. Eine Woche später kam ich an dieser würzig duftenden Garküche wieder vorbei – es wurde gerade Fleisch zubereitet, dass irgendwie an Aal erinnert. Die leben aber eher an der Ostseeküste …

 

 
Unser aller kulinarische Toleranz endet spätestens am persönlichen Horizont, … vorausgesetzt man respektiert ihn. Grundsätzlich soziokulturell vorgegeben, differenziert er im krassesten Fall den Kosmopoliten von Jemandem der nie auszog um das Fürchten zu lernen. Und genau deshalb lässt sich über Geschmack (eigentlich) nicht streiten, so der Volksmund. Laaangweilig wäre es, wenn die Globalisierung auch internationale Geschmackspräferenzen gleichschalten würde. Schade wäre es um die facettenreichen Küchen dieser Welt!

 

 
Ob es dann auch Schade um „unsere Streicheltiere“ ist, die nicht von allen Kulturkreisen gestreichelt werden? Es hängt davon ab, ob beim Anblick von beispielsweise Meerschweinchen zubereiten, Kaninchen, Katze und Hund auf dem Teller sich der Gaumen geschmeichelt fühlt oder eher ekelhaft gereizt. In Ländern wie China oder Peru durchaus (seltsam) delikat und schmeichelhaft, in Deutschland geht wenn überhaupt nur Kaninchen, bei einigen Schweizern manchmal auch Hund. Eine „kulinarisch nicht korrekte Delikatesse“ sind seit Anfang der 90er Jahre französische Froschschenkelgerichte. Die munteren Quaker hüpfen üblicherweise in indonesischen Reisplantagen, in denen inzwischen zu wenige Frösche zu vielen Insekten Paroli bieten müssen.

 

Insekten wiederum gelten unter wissenschaftlichem Aspekt als proteinreiche Nahrung der Zukunft und werden seit jeher z.B. in Afrika gegrillt genossen, ähnlich wie chinesischer Skorpion soll knuspriger Heuschrecken-Snack schmecken! Solche seltsame Delikatessen wie beispielsweise auch Würmer essen im gesamten deutschsprachigen Kulturkreis hingegen nur (wenige) kulinarische Grenzgänger. Nur in Teilen Afrikas, Asiens oder Lateinamerika sind sie für die Bevölkerung so deliziös schmeckend, wie für manchen Deutschen die knusprigen Öhrchen vom Spanferkel. Und der (geräucherte) Aal von der Ostseeküste soll geschmacklich vergleichbar mit einer vietnamesischen Delikatesse sein: Schlange! Seit Schlöndorffs Verfilmung der „Blechtrommel“ wissen wir, dass Aal fangfrisch gerne in Pferdeköpfen unterwegs ist.
In Deutschland seit der Vermarktung von Gaullasagne noch weniger beliebt als zuvor, heute im Schweizer Thurgau eine teuer bezahlte Delikatesse: zartes fettfreies Pferdefleisch, … jenes aus Kanada ist sogar (zeitweise) bei Aldi Suisse käuflich. Weich und zart, aber ungewohnt schleimig sind Weinbergschnecken. Besonders schmackhaft sind jene aus der Schweiz, Frankreich und Süddeutschland wo sie als Kulturgut geachtet werden. Weltweit ein Klassiker: In speziell gewürzter Butter gebacken in der Schneckenpfanne. Dann nicht mehr schleimig sondern fettig würzig, leider geil!
Wer (seine) Katzen nicht so gerne isst wie das einige Peruaner auf Volksfesten tun, aber Miezen irgendwie mag, dem schmeckt vielleicht der indonesische Katzen-Kaffee „Kopi Luwak“. Die Bohnen sind 100 mal teurer als „Normal“. Die Kaffeekirschen passieren für das viele Geld den Verdauungstrakt einer wilden Schleichkatze und werden als bereits fermentierte Kaffeebohnen ausgeschi**en. Für den indonesischen Kaffee-Exporteur liegt das Geld quasi im „Katzenklo“ oder auch Po! Der zahlungskräftigen Klientel schmeckt es soo gut, dass gerne 1000 Euronen pro kg „Katzenklobohnen“ gezahlt werden, Goldesel lässt grüßen …

Filet vom Krokodilschwanz

Filet vom Krokodilschwanz

Südlich von Indonesien im australischen Northern-Territory sowie in Teilen Afrikas und den USA, gilt Krokodilfleisch als Delikatesse. Die Croc-Farmer sind den Wilderern gegenüber im Vorteil, da das Zucht-Gehege garantiert „menschenleer“ gehalten wird. Indirekter Kanibalismus ist also beim Verzehr eines Croc-Steaks kein Thema. Das Geschmacksprofil ist einzigartig ambivalent, d.h. in diesem Fall zwischen weißem Süßwasser-Fisch und Geflügel. Schließlich leben diese großen Echsen im subtropischen Wasser und an Land. Schmecken ähnlich wie Frosch, … der lebt ja auch so und frisst Fleisch.

Ein versehentlicher Biss in die stachelige Haut einer Kaktusfeige ist weniger unangenehm wie der unvorhergesehene Biss eines Krokodils. Das gut geschälte Fruchtfleisch hingegen macht Freude mit seinem frischen süß-sauren Aroma und lenkt Obstsalat oder pikante Speisen auf eine exotische Route. Angebaut werden sie in den dürren Gebieten der (Sub)Tropen , z.B. Australien, Mexiko, Kanaren. Auch deren Kaktusblätter werden in Restaurants zu Spezialitäten verzaubert und sind nicht mehr stachelig dann. Besonders gut soll sich die Kaktusfeige mit Wild- oder Geflügelgerichten kombinieren lassen, auch deren Blätter finden inzwischen in Deutschland eine Fangemeinde. Aus dem Fruchtfleisch der Kaktusfeige können auch Chutneys für Aussie-BBQ oder Konfitüre, eine kanarische Spezialität, hergestellt werden. In Europa findet man frische oder verarbeitete Kaktusfeigen in spanischen Supermärkten und in gut sortierten Spezialitätenshops in deutschen Großstädten.

Nicht wirklich lecker für Jederman

Nicht wirklich lecker für Jederman

Fazit: Geschmacksempfinden liegt nicht unbedingt nur auf der Zunge sondern im Kopf! Ein Muslim würde sich auf dem Oktoberfest vor einer Schweinshaxe genauso ekeln, wie ein europäischer Christ vor gegrilltem Schafskopf am islamischen Nationalfeiertag (16. Okt). Und das, obwohl beides gegrillt angeboten wird ;-). Wer noch nicht genug von diesen kulinarischen Features hat, braucht mehr Details und klickt auf die Links oben im Text.
Wer seine Neugier jenseits dieser kulinarischen Grenzen befriedigen möchte, der hebt letztendlich in den kulinarischen Orbit ab. Für mich wäre das dann ein Trip auf eigene Faust durch die chinesische Provinz: Einfach einmal alles was sich bewegt (hat) essen – selten delikat?! „Hinterm Horizont geht´s immer weiter“, sang schon damals Udo Lindenberg … Ob man die kulinarische Welt in ihrer „ganzheitlichen“ Vielfalt geschmeckt haben muss, bleibt jedem selbst überlassen ;-). Im Orbit wäre ich jedenfalls nicht wirklich schwindelfrei …

Update Oktober 2015: Aufgrund eines seltsamen Skriptfehlers musste dieser Beitrag aus DEZ 2013 nocheinmal komplett neu eingestellt werden da ich ihn mit einem lesenswerten Beitrag zu diesem Thema ergänzen bzw. verlinken wollte. Der Schweizer Koch und Foodblogger Marco von myfoodprints.net beschreibt eindrucksvoll in Wort und Bild seine kulinarischen Abenteuer quer durch Asien, immer mit einem Augenzwinker. Unsere vertraute kulinarische Umlaufbahn verließ er dann in Seoul (Südkorea). Seltsam Delikat, Essen?! http://myfoodprints.net/2015/10/06/seoul-delicious/

Kulinarische Grenzgänger  besuchen Kochkurse wie diese :

Berlin http://www.mydays.de/geschenkidee/berlin-insekten-kochkurs

2 Kommentare
  • FEL!X
    Veröffentlicht um 03:36h, 12 Oktober Antworten

    Treffend und sehr gut umrissen. Das Thema ist beinahe unerschöpflich.
    «UFO-Gerichte» habe ich hier schon mehrere mit grossem Genuss delektiert, auch ohne wissen zu wollen, worum es sich genau handelt…
    Bei einem davon wollte ich den Ursprung aber doch in Erfahrung bringen, weil es derart köstlich geschmeckt hat und damit ich mir das Gericht auch wieder mal bestellen kann. «Gohp», sagte man mir und es wurden auf meinen fragenden Blick auch die Merkmale des besagten Tieres pantomimisch unterstrichen. Es handelte sich um fein gehacktes, zartes Froschfleisch in köstlicher Sauce. An den Fröschen, die hier zum Verzehr gezüchtet und auf dem Markt feilgeboten werden, gehe ich stets vorbei, ohne sie näher zu betrachten, denn sie sehen für mich eher wie Kröten aus. Es sind also keine Vorbehalte in Richtung «kulinarisch inkorrekt», sondern eher «mein persönlicher Horizont», wie du oben treffend schreibst, der mir hier Grenzen diktiert!
    Mit kulinarischen Grüssen aus Fernost,
    FEL!X

    • Cookinator
      Veröffentlicht um 23:35h, 13 Oktober Antworten

      Hi Felix, … gewiss, der Horizont ist so eine Sache. Irgendwo ist die Grenze, die man nicht überschreiten kann 😉

      Danke für Deinen Input aus dem inspirierenden Thailand

      Gruß aus nasskaltem Süddeutschland
      Stephan

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