Chili Rezepte, warum alle Welt verrückt danach ist?

Das globale Chili Phänomen

Chili ist weltweit das beliebteste Gewürz, so die Aussage einiger Gewürzhändler.  Wie konnte das passieren? Meine These hinsichtlich Verwendung  bzw. Beliebtheit begründet sich auf dem causalen Zusammenhang von Situation, Ursprung und Eigenschaften. Ein Versuch dieses Phänomen mit Hilfe der Hard Facts zu deuten. Nein, Chili Rezepte sind nicht weiter schlimm. Ganz im Gegenteil,  vorausgesetzt die Dosierung stimmt.

Chili Rezepte

Chili-Mix aus dem Supermarkt: Rot, gelb, grün

Die Situation

Dass die Aussage der Gewürzhändler der Wahrheit entspricht, erkennt man rückblickend an dem Siegeszug des Chili in die Discount-Supermärkte. Für nahezu jedes Produktsortiment – ob würzig oder süß – eines beliebigen Herstellers / Marke findet sich auch eine Chili-Variante. Man denke nur an die ersten Chili-Schokoladen in Deutschland, die vor ca. 15 Jahren zunächst nur Foodies bekannt waren. Chili-aromatisierte Lebensmittelprodukte aller Couleur sind inzwischen im Standardsortiment verfügbar, weltweit. Dear Chili, welcome to the club of mainstream!

Chili Rezepte Burger

Fish Burger mit grünem Chili und Sprossenkeimlingen

Der lange Weg zum multikulturellen Dauerbrenner

Ursprung: Der historische Weg der Chilischoten ist schnell erzählt. Geburtsland Mittelamerika, die Azteken schätzten schon die Chili als hochwertiges Hilfsmittel und Gewürz. Entdeckung durch die Amerika-Seefahrer, bzw. deren Botaniker. Danach Verschiffung in die Karibik. Von dort ging es im 16 Jh. mit Chili ab nach Europa. Von dort weiter nach Afrika und Asien.  In Europa wurde deren Genuss lange ignoriert, bevor es durch die frühe Globalisierung und Einwanderer der Länderküchen zunächst in England und USA wiederentdeckt wurde. Viel später in den 90er Jahren wurde man sogar in Deutschland auf Chili aufmerksam, nachdem man es unbewusst schon in den 80er Jahren auf Döner in Form von Harissa-Gewürzmischung oder Köfte-Baharat („mit Scharf“?) geschmeckt hat. Global Traveller schwärmten vom finalen Chili-Zauber, … erhältlich waren frische Chili-Schoten aber zunächst nur in wenigen deutschen Großstädten. Heute ist knallrote Chili-Schärfe sogar auch in Currywurstbuden in den tiefbraunen Provinzen Deutschlands ein multikultureller Dauerbrenner.

Was geht?

Eigenschaften: „Brenna tuat´s guat“, sagt der Bayer. Das Burn´o´ Meter der Chili-Schärfe wird wissenschaftlich in Scoville gemessen, es ist sowas wie eine Verdünnung mit Wasser in der die Schwelle der Wahrnehmung geprüft wird. Handelsübliche Chilisaucen liegen so zwischen 500 (mild, z.B. Sweet Chilisauce beim Asiaten) bis 2500 Scoville (scharf, z.B. Tabasco). Chilischoten wie z.B. Habenero überschreiten die erträgliche Schmerzgrenze mit ca. 300.000 (fache Verdünnung!) und darüber hinaus. Initiator für diesen speziellen Schmerz ist das Molekül Capsaicin, welches einen sogenannten trigeminalen Reiz in der Gesichtsmuskulatur und an allen (!) Schleimhäuten auslöst. Ein strenger Chili-Kracher fegt wie ein Feuer-Tornado  von der Zunge auf die Gesichtsmuskeln, dann durch die Nase bis tief ins Hirn wo er schließlich mächtig wütend längere Zeit gefangen bleibt. Ja, brenna tuat´s dann höllisch guat! Aber nur Hardcore Chili-Fans lieben dieses kulinarische Inferno, siehe hier Chili-Tasting Competition. Geschmacksprofil? Fehlanzeige, einfach nur scharf, aber toll!

Beschwingt befreiend

Eine vielsprechendere und sinnvolle Eigenschaft der Chili  ist hingegen deren erotische Wirkung als  Aphrodisiakum in Chili-Rezepte.  Mild dosiert aber dennoch „hot“, wirkt es beschwingt befreiend, wenn die gegenseitige Zuneigung angeheizt ist. So ziemlich alle Blutgefäße erweitern sich durch Chili Verzehr, … was schonmal eine gute Voraussetzung für das Nachspiel eines Candlelight-Dinners ist.  Nicht ohne Grund wird Capsaicin zwecks Förderung der Durchblutung auch in schmerzlindernden Rheumapflastern verwendet. Olivenöl mit Chili hat die gleiche Wirkung auf dem Rücken, zudem noch hautpflegend auf natürliche Art. Zum Schärfen von gebratenem Gemüse oder Fisch eignet sich dieses Chili-Olivenöl auch hervorragend. Vorteilhaft, weil man sich nicht mit Chili beim Schnippeln die Hände „verschärft“. Wer sich schonmal mit Chili-Händen spät abends die Kontaktlinsen vom Auge entfernt hat, weiss,  dass 1. Händewaschen nicht viel nützt und 2. von welchem AuWeh ich rede. Diese brennend stark reizende Wirkung auf  (allen!) Schleimhäuten hat aber auch was Positives hinsichtlich Hygiene: Das Capsaicin der Chilis wirkt auch hier befreiend! Und zwar von Keimen und hat somit eine konservierende Wirkung z.B. in Marinaden, aber nicht im Hirn nach einem Chili-Tornado. Nicht ohne Grund hält sich Chilisauce eine gefühlte Ewigkeit.

Chili-Rezepte mit Burger

Burger mit Chili-Beef und Sprossenkeimlingen

Warum eigentlich Chili verwenden?

Nun gut, die wesentlichen Facts sind hiermit geklärt. Es stellt sich immer noch die Frage nach causalen Zusammenhängen für den Erfolg der Chili Rezepte, allein die potentielle Erotik der Chili Rezepte kann es nicht sein. Es gibt doch schließlich auch diverse sogenannte Superfoods oder Aphrodisiaka, die angeblich vergleichbar Gutes tun. Und Meerrettich kann ja auch trigeminal reizend weh tun. Meine These ist ganz einfach gestrickt:

With a little help of my Chili Rezepte

Die Ursache des Siegeszugs der Chili liegt in der allgemeinen Gemengelage! Die Situation „von et Janze“, wie der Berlina sagt. Wie zuvor beschrieben, wurde Chili durch die Globalisierung beliebter Länderküchen (Mexiko, Thailand, Indien, Texas)  auch in den entlegensten Provinzen berühmt (berüchtigt). Zudem hat sich das Weltgeschehen (Krisen, Klima, Katastrophen aller Art) und die persönliche Lage vieler Menschen (Leistungsdruck, Verschuldung, Abstumpfung, Patchwork-Families, Extra-Kick, Spekulationswut)  seit der Jahrtausendwende gefühlt verschärft.  Das große Ganze wirkt sich – bewusst oder auch subtil unterschwellig – auf uns Menschen offenbar irgendwie „verschärfend“ aus, ein (Chili)Puverfass vielleicht? Den K(r)ampf im Alltag bestehen zu wollen/müssen, darum geht es letztendlich. Vielleicht gelingt das mit Hilfe der Chili Rezepte?

Nun ja, … der Legende nach haben die antiquierten Azteken (heutiges Mexiko) vor Ihren Kämpfen Chili gewürzte Getränke und Speisen zu sich genommen, um gut gelaunt und unbeschwert in den Krieg ziehen zu können. Chili wirkt heute offenbar immer noch als legale beschwingte Ersatzdroge, gefühlt ähnlich wie diverse illegale Aufputschmittel für gestresste Politiker oder Party-Hipster. „Durchhalten“ und „Vorne am Start“ ist essentiell – deshalb seit jeher „In“. Das Marketing macht uns Glaubens: „Sind sie zu stark bist Du zu schwach!“

Vergesst diesen Bullshit-Bingo der „Strategen“! Einfach Chili Rezepte je nach Stimmung abgeschmecken und gut is, bloß kein kulinarischer Stress, … Schwächen hat offenbar wirklich jeder!

Tipp: Chili-Schoten einer Sorte können sehr unterschiedliche Schärfe haben, .. sogar auch wenn sie an ein und dem selben Strauch wachsen! Daher vor Verwendung vorsichtig mit der Zunge nach dem Anschnitt testen.

Selber Anbauen zum Spaß? Ja geht auch, bin da aber kein Experte. Marco von myfoodprints.net hingegen schon. Wer sich als Chili-Gärtner versuchen will, findet auf seinem Foodblog erfolgversprechende Tipps zum Chili-Anbau.

Fazit

Chili makes the culinary world go round, Chili-Sommeliers wird es wahrscheinlich trotzdem nie geben. Wohldosiert wirken Chili Rezepte bzw. Chili-Schoten stimulierend und befreiend in jeder Hinsicht. Legal, lustig und gesund ist´s dann auch noch. Fettes Brot für die Welt!

Tanz auf dem Vulkan …

 

 

2 Kommentare
  • marco
    Veröffentlicht um 12:05h, 18 März Antworten

    Danke Stephan, für diese ausführliche und interessante Erläuterung zu heissgeliebten Chili, welche ich mit Freude gelesen habe. Ich bin zwar kein Gewürzhändler, aber darf wohl behaupten, dass die kleinen Scharfmacher definitiv auch zu meinen Lieblingsgewürzen zählen 😉 Merci auch fürs Verlinken!

    Die diesjährigen Samen sind schon fleissig am keimen und auch ein paar neue Sorten sind wieder dabei! Und am Weekend mache ich mich daran, die letzten Reste von der üpigen und sonnenverwöhnten 2015er Ernte zu Salsas zu verkochen 😉 Mal schauen, ich werde vielleicht berichten. Dir einen super Auftakt ins Weekend und bis bald!

    • Cookinator
      Veröffentlicht um 13:11h, 18 März Antworten

      Hi Marco,
      ja jetzt wissen alle deine und meine Leser Bescheid, was das Phänomen Chili in letzter Konsequenz bewirkt 😉 Die Verlinkung zu deinem Chili-Artikel „Erntedank-Fest“ ist die Kür und meine Pflicht zugleich 🙂

      chillige Grüße
      Stephan

Kommentieren